Die Aufregung um "Street View"

Eine Frage der Wahrnehmung




01.09.2010

Manche Menschen sehen Dinge, die gar nicht da sind. Für gewöhnlich macht sie das zu Kranken, denen nicht mehr zu trauen ist und die unsere Gesellschaft gern mit dem Etikett "irr" bzw. "wahnsinnig", zur Not auch "paranoid", versieht, sie wegsperrt und dann vergisst. Doch dann gibt es Dinge, die ganz offensichtlich existieren, aber von keinem so recht wahrgenommen werden. Im Großen und Ganzen ist das aber meist so lange egal, bis dem von uns nicht Wahrgenommenen plötzlich eine ungeahnte Bedeutung zukommt. So ist das jetzt mit der Diskussion um Google "Street View".



Angeblich seit knapp zwei Jahren sind die Opels und Volkswagen der unteren Mittelklasse mit den seltsamen Vorrichtungen auf dem Dach, mit deren Hilfe Deutschlands Häuserfronten abfotografiert werden, nun angeblich auf unseren Straßen unterwegs. Die Beiträge von "Tagesthemen" und Co. haben uns in den vergangenen Wochen eindeutig gezeigt, dass es die kleinen Fahrzeuge mit den überdimensionalen Stativen zweifellos gibt - nur richtig wahrgenommen hat sie niemand. Nachdem Politiker das Thema im nun abgelaufenen Sommerloch dazu auserkoren hatten, sich damit selbst in mediale Stellung gegen Google und dessen Vorhaben "Street View" zu bringen, wurden Gabi Mustermann und Otto Normalverbraucher die Autos und mehr und mehr auch der Internetriese suspekt.

 © Deutscher Bundestag  / Lichtblick/Achim Melde
© Deutscher Bundestag / Lichtblick/Achim Melde
Ilse Aigner - Lieblingsgegnerin von Google & Co.

Eine recht banale Debatte


Der laut Wikipedia "weltweit wertvollsten Marke" - Google - gegenüber ist Skepsis nun durchaus angebracht, zu viel Privates wissen die Suchmaschinenexperten unbestritten mittlerweile über uns. Offenbar war das unserer Legislative und unserer Exekutive vor der "Street View"-Diskussion aber noch nicht aufgefallen, übrigens passenderweise wieder so ein Beispiel für selektive Wahrnehmung. Jetzt, wenige Monate vor dem geplanten Launch des neuen Google-Dienstes, war man der Meinung, diesen Umstand für sich selbst zu ändern und gleich noch ein paar unkritische Datenschützer mit ins Boot zu holen; Datenschützer wohl, die vor ihrem Hauptjob (Daten schützen) kapitulieren und lieber dort laut werden, wo mit von Politik und des Volkes vermeintlichem Auftrag gestärktem Rücken halt noch was getan werden kann. Nämlich unbedingt Abbildungen von Hauswänden zu verhindern.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Der Autor dieses Textes hegt ein tiefes Misstrauen gegenüber Google und allen Online-Portalen, die mit den Daten ihrer Nutzer unsensibel umgehen. Allerdings ist es doch so, dass die Debatte um "Street View" an Banalität kaum zu überbieten ist, sie ist sogar verlogen, unnütz und geht am Kern des Problems weit vorbei. Banal ist sie, weil die Microsoft-Suchmaschine Bing bereits genau das bietet, was "Street View" nun bieten will. Verlogen, weil der Reflex des Verbieten-Wollens völlig unterschlägt, dass wir alle an öffentlichen Plätzen oder in Supermärkten längst komplett überwacht werden (wir - und nicht unsere Hauswand!). Unnütz, weil die Datenweitergabe von Google und Co. nicht bei "Street View" erfolgen wird und somit den Blick auf die eigentlichen Brandherde verstellt. Und aus all diesen Gründen geht die Diskussion am Kern des Problems eben weit vorbei.

Google reagiert ziemlich souverän - das hat man so auch nicht erwartet



Allein: Vertiefen werden wir das hier nicht. Andere fühlen sich derzeit eher berufen, lauthals einzufordern, was bei aller Aufregung von Google ja längst angeboten wird. Es geht dabei um die Möglichkeit, dem Unternehmen mitzuteilen, dass man bei den Aufnahmen die eigene Haustür doch bitte unkenntlich machen möge.

Google hat das, entgegen seinem Ruf, erstaunlich gelassen akzeptiert und neulich sogar eine Verlängerung dieser Einspruchsfrist klaglos angeboten. Womöglich will es sich die Firma mit den Deutschen auch nicht komplett verscherzen, immerhin ist unser Land für den Giganten ein enorm wichtiger Markt. Oder nehmen wiederum wir das nur so wahr? Unter dem Strich muss sich auch bei der "Street View"-Debatte jeder sein eigenes Bild machen. Ein bisschen Zeit dafür immerhin bleibt ja noch.






© Text: PS.de / HK | © Fotos, sofern nicht anders gekennzeichnet: PS.de

Schlagwörter: Google Street View Bing Internet




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Comments

Kommentar von Marcus | 02.09.2010, 16:30

Ich finde, das Gute an Google ist, dass man wirklich alles im Internet googlen kann. Allerdings finde ich Street View überflüssig und mal wieder ein Beispiel dafür, dass sich Google immer wieder selber übertreffen will.

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