Die Fan-Experten

Die Wahrnehmung des Fußballs ändert sich




26.08.2010

Als Ralf Rangnick am 19. Dezember 1998 im "Aktuellen Sportstudio", er war damals als Trainer mit dem SSV Ulm auf dem Marsch in Richtung Bundesliga, anhand einer Tafel die taktischen Voraussetzungen eines Fußballspiels erklärte, wurde er landauf, landab fortan abschätzig als "Fußballprofessor" verspottet. Das war zu einer Zeit, als die Bundesliga zuallererst knallbunt und wahnsinnig boulevardesk bei "ran" in SAT.1 zusammengefasst wurde, als Spielerfrauen auf der Tribüne wichtiger als das Spiel und der Torjubel wichtiger als die Tore waren. Es waren grausame Zeiten für uns, die wir doch nur Erstliga-Zusammenfassungen sehen wollten, möglichst in der puristischen Tradition der ARD-"Sportschau".



Rangnick war an jenem Samstag vor zwölf Jahren etwas arrogant, wie er da die Magneten an der Taktiktafel verschob und wirkte, als würde er absoluten Laien das kleine Einmaleins des Fußballs auftischen. Musste man nicht gutheißen. Ob sich heute ein Wind fände, der Rangnick oder einem Kollegen bei ähnlichem Vorgehen so stark ins Gesicht blasen würde wie damals?

Kaum. Wenn Jürgen Klopp bei der WM die Taktik und die Spielsysteme erklärt, wünscht sich der Zuschauer inzwischen die grölenden Fans weg, gern möchte er hören, was "Kloppo" zu sagen hat. Er sieht sich vor dem Bundesligaspieltag die möglichen taktischen Varianten seines Teams an, und er findet es gut, dass das ?Sportstudio? die elektronische Taktiktafel zu einem festen Samstagabend-Instrument gemacht hat. Früher waren wir nur Fans, heute sind wir noch dazu Experten.

Doppelsechs oder Systemumstellung?


Den 1998 und in den folgenden Jahren abschätzig so genannten ?Erfinder der Taktik im Fußball? - genau, wir sind noch immer bei Ralf Rangnick - kann man mögen oder nicht. Sicher sind jedenfalls zwei Dinge. Wenn er nach einem Spiel interviewt wird, hat zum einen im Falle einer erlittenen Niederlage meist der Schiedsrichter die Schuld. Gut, so ist er halt, der Rangnick. Zum anderen gibt es aber kaum einen Bundesligatrainer, der in wenigen Sätzen kurz nach Abpfiff taktische Überlegungen präzise erklären kann.

Viele finden das - zurecht - interessanter, als etwa Miroslav Klose zuzuhören, wie er schildert, dass er die tolle Flanke von Ribéry nicht reingetan hat, ja gut, sach? ich mal. Das hat sowieso jeder gesehen. Aber wie ein Trainer durch eine Einwechslung eine neue Taktik oder Spielidee produziert und das hinterher erklärt, so etwas nehmen Fans heute viel mehr wahr als früher. Wenn seinerzeit Raducanu für Zorc in Spiel kam, hieß es auf der Tribüne maximal, oh Gott, wie kann er nur den Blinden bringen. Oder "Zorc raus!". Heute wird diskutiert, ob der Wechsel von Kuzmanovic zu Gebhart eine Systemumstellung nach sich zieht, oder ob es bei der Doppelsechs bleibt. Überhaupt, Doppelsechs. Ein Ausdruck, der dem Fußballinteressierten heutzutage fast leichter über die Lippen kommt als "hau ihn um, den Podolski!".

Autopsie des Spiels


Möglicherweise ist es so, dass wir Männer uns den Fußball als Domäne nicht so leicht nehmen lassen wollen. Es reicht uns vielleicht nicht mehr, vor einer interessierten weiblichen Zuschauerschar, die wir immer öfter bei WM-, EM- oder Bundesligaspielen antreffen, lauthals Platzverweise zu fordern oder "Trainer raus" zu schreien, um unsere Kompetenzen zu untermauern. Stattdessen nehmen wir eine Autopsie des Spiels vor, erklären taktische Winkelzüge und sagen Sachen wie "der Jansen passt doch gar nicht in eine Raute". Es kann aber auch sein, dass wir einfach nur der gängigen These anhängen, der Fußball sei in den letzten Jahrzehnten wesentlich komplexer geworden.

Wie dem auch sei - manchmal hören wir uns doch lautstark fluchen, wenn etwa Kroos dem Casillas den Ball in die Hände spielt, anstatt ihn im Eck zu versenken. Dann wird der Fußball auf Instinkte komprimiert, wir spüren die Seele des Spiels wieder, und es tut gut. Später kann man ja immer noch mit Kloppo, Rangnick oder Jogi fachsimpeln. Hat nämlich auch was.






© Text: PS.de / HK | © Fotos, sofern nicht anders gekennzeichnet: PS.de

Schlagwörter: Fussball Bundesliga Fans




Dieser Artikel ...
 


Comments

Noch kein Kommentar abgegeben!

Gib hier deinen eigenen Kommentar ab


Name/Nickname (wird angezeigt)


E-Mail (wird nicht angezeigt)


Webseite (wird angezeigt, optional)


Dein Kommentar


Bitte den Text in der Grafik eingeben
(zwei Worte mit Leerzeichen)





 
 
Partner von
Partner von Fantastic Zero

Sport

Der Bundesliga-Rückblick 2011/12

lesen

Sport

Mit kalter Hand

lesen

Sport

Der Adler mit dem Bundesadler

lesen

Sport

Mehr als nur ein Freundschaftsspiel

lesen

© Berwus, pixelio.de
Sport

Boulevard der Einfallslosigkeit

lesen

Sport

Gazza, glorious and great

lesen


  Triff uns auf Facebook   Bookmark uns auf Mr.Wong
 Zurück 
Seite empfehlen | Nach oben