Sports Geist - Schwule Fussballer

Darüber spricht man(n) nicht!




02.08.2010

So, vier Kolumnen habe ich jetzt abgeliefert - wobei eine die Einführung war - und doch bekomme ich jetzt schon Leserbriefe, in denen sinngemäß steht: Na, ich dachte, Du packst auch mal die ganz heißen Eisen an. Ooookay, gut - dann packe ich mal ein Thema aus, dass rein statistisch 50% von Ihnen nicht gefallen wird. Und da ich nicht weiß, wie ich anfangen soll, falle ich einfach mal mit der Tür ins Haus: Mindestens zwei der deutschen Nationalkicker, die uns in Südafrika so vortrefflich vertreten, und uns zu Hause so vortrefflich unterhalten haben, sind schwul! Däh! Da guckense aber lustig aus der Unterbuchse!



Woher weiß der das, wie kann der so was behaupten, was erlaubt der sich? Erstmal, ich weiß gar nix - und zweitens: Wäre es schlimm, wenn einer von Mesut/Bastian/Phillip (gut, der hat gerade geheiratet) Arne/Manuel oder wer auch immer schwul wäre? Rein statistisch liegt die Schwulenquote in der deutschen Bevölkerung zwischen 7 und 10%, je nach Lesart, und je nach dem, wem man glauben will. Und wenn ich einfach mal meiner Lebenserfahrung glauben darf, dann ist Schwulsein ungefähr so normal wie Butterkaramel mögen, oder Fuchsschwanz ins Auto hängen - es betrifft nicht jeden, aber die Zahl derer, die doch damit zu tun haben, ist messbar.

Heißes Eisen am Stammtisch


Kommen wir also zu der Frage, warum ich mir überhaupt erlaube, das zu thematisieren. Na, das kann ich Ihnen sagen: Weil es mich so überhaupt nicht interessiert. Und trotzdem macht ein gewisser Ballack-Berater im Spiegel neulich ein scheinbar verstecktes Fass auf, und droht mit irgendwelchen Enthüllungen. Boah! Hamse gehört, der Dingsbums ist einer vom anderen Ufer. So'n Tuckie mit Tütüt, höre ich den Stammtisch schon raunen. Na, und, mag ich denen zurufen - rein statistisch ist auch einer dabei, der im Keller Spinnen züchtet, und einer, der nur Spaß am Erwachsenensport hat, wenn er seiner Herzdame die Füße lecken darf. Was geht mich das an? Wen interessiert das? Wären die Tore von XY nur deshalb weniger wert, weil man sich dran erinnert, dass eben jener sich eher in ein scharf geschnittenes Männergesicht verguckt, statt in die busenaufgeblähte Blondine von der Theke im Nebenan?

...aber fußballspielen kann er


Jaha, ich weiß schon - es heißt dann: aber wir Männer sind doch unter uns, und was ist, wenn ich mit so einem duschen gehen muss. Da würde ja die Vertrauensbasis drunter leiden. Soll ich Ihnen was sagen: Das ist lächerlich! Ist da draußen irgendjemand, der nach dem Fußballtraining unter der Dusche schon mal unsittlich "angemacht" worden wäre? Aha! Und soll ich Ihnen noch was sagen? Diejenigen, die sich die größten Sorgen machen sind exakt auch die, die als allerletzte in irgendeinem Beuteschema eines auf Männer stehenden Kicker stehen würden. Ich sage nur, Waschbärbauch und ungepflegtes Äußeres. Eigentlich könnten wir alle das Thema so entspannt angehen, wie es in der Frauen-Nationalelf der Fall ist. Da gibt es genug Damen, die sich der gleichgeschlechtlichen Orientierung geneigt fühlen, man macht da keine ellenlange Berichte drüber, und alles ist gut. Aber nein, bei Männern scheint das besonders wichtig - scheint die Hemmschwelle fast unüberwindbar hoch, und Homophobie ist in deutschen Stadien so verbreitet wie Bratwurst und Bier. Bäh!



Herrimhimmel, wie sehr wünsche ich mir den ersten Wowereit in der Nationalmannschaft. Einen, der aufsteht, und von sich aus sagt: Ich bin schwul, und das ist gut so. Weil sich dann alle erstmal daran abarbeiten können um danach festzustellen: Tja, und jetzt? Wenn einfach endlich statistische Normalität einkehren würde, damit ich nicht SCHWUL als Thema ausgraben muss, um Sie vom Hocker zu reißen. Am liebsten wäre mir, der Herr Müller wäre ein spinnenzüchtender, füßeleckender Fuchsschwanzinsautohänger - denn dann würde ganz schnell die Erkenntnis nachgereicht werden: Alter, aber fußballspielen kann der... In diesem Sinne: Ich finde Fernando Torres süß - aber eher zu EM 2008 Zeiten, als er noch lange Haare hatte. Achso, und ich bin das zweite Mal verheiratet, und dieses Mal mit der besten Ehefrau von allen....!

Autoreninfo Marcel Ringhoff
Marcel Ringhoff, 35, mag seit frühester Kindheit jede Art von Sport. Aufgewachsen in der zweiten und dritten Fußballliga mit Rot Weiß Oberhausen im Niederrheinstadion und am Rechenacker, und unter einem ehemaligen Olympiateilnehmer als Realschul-Sportlehrer, gibt es keine Sportart die er nicht kennt, oder zu der er keine Meinung hätte.
Im wahren Leben eigentlich Fotograf und Autor für Fachpublikationen abseits von Leibesübungen, findet der gerade etwas mopsige Sportskamerad nicht nur auf dem Trimmrad im Fitnesscenter, sondern vor allem an der spitzen Feder immer wieder zurück in die ertüchtigende Spur.





© Text: PS.de / MR | © Fotos, sofern nicht anders gekennzeichnet: PS.de

Schlagwörter: Sports Geist Kolumne Marcel Ringhoff Fussball Homosexualität




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