Sports Geist - Tour de Farce

Die Sportkolumne




07.07.2010

Kennen Sie eigentlich die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt? Allgemein wird davon ausgegangen, dass die im vierjährigen Turnus aufgeführten Lederballfestspiele, auch als Fußball-Weltmeisterschaft bekannt, die weltweit größte Sportveranstaltung sind. Gleich danach kommt die ebenfalls vierjährig abgehaltene Leistungsshow der Nationen in Sommer- und Winterdisziplinen, sprich die Olympischen Spiele. Darauf folgt auf dem dritten Stockerlplatz, und wer hätte das bei dieser Überschrift gedacht, die Tour de France, oder einfach auch nur Le Tour.



Wie das ganze bemessen wird, also ob es um generellen Zuschauerzuspruch, mediale Aufmerksamkeit oder gar Werbeumsätze geht, lassen wir mal dahin gestellt. Das schwankt wahrscheinlich eh sehr von Land zu Land und vor allem Zeit - so waren French Open, Wimbledon und Daviscup mit Bumbumm-Boris und Stefanie Graf sicher in Deutschland viel größere Zugpferde ihrer Zeit - und es ist für diese Kolumne auch nicht wichtig. Es dient quasi nur der besserwisserischen Einleitung.

Pharmamesse


Wobei, und da verdient die Einleitung vielleicht doch etwas mehr Betrachtung, wenn man jetzt einzig die Umsätze der Pharmaindustrie zu Grunde legte, könnte man meinen, Le Tour wäre sogar die größte Sportveranstaltung. Denn, machen wir uns nichts vor, überall wo Sport betrieben wird, gibt es auch die schwarzen Schafe, die mit Pille und Pülverchen ein bisschen mehr aus den müden Muckies raus zu kitzeln versuchen. Dabei muss es sich nicht mal um hochbezahlten Leistungssport handeln; selbst in den Niederungen des Amateursports gibt es genug, die sich von leistungssteigernden Mitteln ein mehr an sportlicher Leistung erwarten. Und doch, so hat es denn Anschein, nirgendwo wird so viel geschluckt, gespritzt und gesalbt, wie beim französischen Fahrrad-Sechseck. Fast meint man, nirgendwo auf der Welt werden in diesen drei Wochen im Juli mehr Einwegspritzen verballert, wie auf der Großen Runde. Ob das tatsächlich so ist, lässt sich dabei für den Außenstehenden nur erraten. Fakt ist jedoch, dass die Tour ihr Image weg hat. Und loswerden wird sie es so schnell nicht mehr, vor allem, wenn wie in den vergangenen Jahren der Sieger nicht unbedingt der ist, der in Paris das Gelbe Trikot an bekam.

Bigotterie


Allerdings muss man sich auch irgendwie die Frage stellen oder gefallen lassen, in wie weit man dem Doping eine Bedeutung einräumen möchte. Nehmen wir mal mich als Beispiel. Seit mehr als zwanzig Jahren schaue ich mir die Tour an. Gerne an. Oftmals versuche ich es sogar einzurichten, dass ich ein paar freie Tage abknappse, oder früher Feierabend mache, um den Cyclisten bei ihrem Tun beizuwohnen. Nach den beiden Skandaltouren 1998 und 2006 hatte ich mir eigentlich geschworen, nicht mehr zu zuschauen. 1998 war es die Festina-Affäre und 2006 die Fuentes-Affäre. Ich selber hasse Doping wie die Pest. Aber, und das wird mir im Nachgang auch immer wieder klar, ich belüge mich selber, wenn ich auf Grund einer Dopingaffäre mit meiner eigenen Tourtradition brechen würde. Denn Doping ist kein Kind unserer Zeit. Schon 1924 (!) gab es offen mütige Dopinggeständnisse und 1967 kippte mit Tom Simpson das erste "offizielle" Dopingopfer nach einer Ladung Amphetamine tot vom Drahtesel. Leistungssteigerung und Tour gehören in Frankreich zusammen, wie Baguette und Rotwein.



Frankreichurlaub


Warum also doch oder überhaupt Tour gucken, obwohl das Doping nicht wegzudenken ist? Die Frage habe ich mir schon lange vor einem Jan "Ulle" Ullrich beantwortet. Weil ich das Land mag - weil für mich die Etappen der Tour wie ein kleiner Frankreichurlaub sind. Die mich in Ecken führen, die ich sonst nicht vom Fahrrad aus sehen würde. Gefühlt habe ich in all den Jahren alles von Frankreich gesehen, ohne jemals über Paris und Umgebung hinausgekommen zu sein. Das ist es, was für mich immer noch die Faszination Tour ausmacht. Gut, ehrlicher wäre es schon, wenn die Pfizers und Novartis, die GalxoSmithKlines dieser Welt eigene Radteams aufstellen würden, wie seinerzeit die Telekom oder Gerolsteiner. Vielleicht könnte man auch ein neues Trikot einführen. Neben dem Gelben Trikot, dem Bergtrikot, dem Grünen und dem Weißen, könnte man ja noch ein Rotes einführen. Für den bestgedoptesten Fahrer der Tour. Aber auf der anderen Seite, wenn es wieder durch die französischen Regionen geht, und die Treter oben auf dem Col de Tourmalet bei der Ankunft kurz vor dem Kotzen sind, dann ist es mir eigentlich egal, wer noch einen Blutbeutel in Spanien hat. Sind doch eh alle gedopt - mit der Erkenntnis lässt sich das Spektakel wieder durchaus genießen...

Autoreninfo Marcel Ringhoff
Marcel Ringhoff, 35, mag seit frühester Kindheit jede Art von Sport. Aufgewachsen in der zweiten und dritten Fußballliga mit Rot Weiß Oberhausen im Niederrheinstadion und am Rechenacker, und unter einem ehemaligen Olympiateilnehmer als Realschul-Sportlehrer, gibt es keine Sportart die er nicht kennt, oder zu der er keine Meinung hätte.
Im wahren Leben eigentlich Fotograf und Autor für Fachpublikationen abseits von Leibesübungen, findet der gerade etwas mopsige Sportskamerad nicht nur auf dem Trimmrad im Fitnesscenter, sondern vor allem an der spitzen Feder immer wieder zurück in die ertüchtigende Spur.





© Text: PS.de | © Fotos, sofern nicht anders gekennzeichnet: PS.de

Schlagwörter: Sports Geist Kolumne Marcel Ringhoff Tour de France Radsport




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Comments

Kommentar von Björn | 07.07.2010, 15:31

Schöner Artikel! Die Tour der France hat in den letzten Jahren wirlich einen Großteil ihrer Glaubwürdigkeit verloren. Trotzdem, wie du schon sagtest, werden viele Fans nicht so schnell aufgeben.
Kommentar von Radler | 08.07.2010, 14:39

Also, ich find ja, das beste an der Tour de France ist dieser eine verrückte Fan, der jedes Jahr kostümiert und mit irgendeiner kuriosen Art von Fahrrad neben der Rennstrecke auftaucht.
Kommentar von Konzelius | 08.07.2010, 23:08

Tour de France schauen hat für mich was meditatives. Die Liveübertragungen sind so unglaublich monoton und dabei entspannend, das es kracht ;-)
Und - wie auch hier schon erwähnt: man sieht Städte, Städtchen, Landschaften, Gegenden, Dörfer, Dörfchen und hört Anekdoten und interessante Belanglosigkeiten über die Einheimischen der jeweiligen Etappe. Großartig. Langweilg, belanglos. Aber großartig :-)

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