Sports Geist - Eishockey

Eishockey, eine Randsportart?!




17.07.2010

Schreib' doch mal was über Eishockey, Du bist doch jahrelang hingegangen. So ruft mir ein Bekannter zu, als ich ihm davon erzähle, dass ich jetzt eine regelmäßige Internet-Sportkolumne habe. Gut, denke ich, recht hat er ja irgendwie. Außerdem war doch jetzt neulich erst Eishockey-WM in Deutschland - großes Auftaktspiel auf Schalke mit Besucherrekord; sehr gutes Abschneiden der Nationalmannschaft. Dazu kommen viele Jahre an der Düsseldorfer Brehmstraße und einige Jahre am Essener Westbahnhof.



Hach, ich könnte Ihnen erzählen, liebe Leser. Also, wie wir damals die Frau und Mutter von Jan Benda (einmal Vater Jan, einmal Sohn Jan) mit dem Auto vom WM-Eishockeyspiel von Hannover zurück mit nach Duisburg genommen habe - und was sie da so alles erzählt hat. Meine Herren! Also eigentlich ein gefundenes Thema-Fressen für mich, oder? Ein bestelltes Feld, ein Füllhorn an Emotionen und Sportmomenten. Moderne Eisgladiatorenkämpfe in noch moderneren Multifunktionsarenen. Alles Friede, Freude, Sonnenschein. Oder?

Tränen, Trauer, Trümmer


Die bittere Wahrheit lautet: Das Gegenteil ist der Fall. Klar gibt es die modernen Stadien - aber oft sind sie leer. Zwar gibt es eine erstklassige Liga namens DEL, doch deren Vereine sterben wie die Fliegen. Und in ehemaligen Eishockeyhochburgen wird selten besser als auf Kreisliga-Niveau gespielt. Eishockey in Deutschland ist heute nicht viel mehr als ein verschwommen-düsterer Abglanz aus alten Kühnhackl, Truntschka, Draisaitl Zeiten. Klar, gespielt wird noch, und ich lasse mir auch regelmäßig davon berichten, dass sich sogar noch Zuschauer dorthin verirren. Die Realität besteht aus vielen zweit- und eher drittklassigen, ausländischen Kufensöldnern, klammen Vereinen, einer ersten Liga, die überhaupt nicht mit dem Unterbau verzahnt ist, Lizenzbesitzer, die von einer in die nächste Großstadt ziehen, und so weiter und so fort. Und überhaupt: Wann haben Sie, abseits der WM oder Olympia mal ein Eishockeyspiel im TV gesehen, welches nicht aus der NHL kam? Ich ahne es, es ist lange her, und das hat auch einen Grund. Fernseh technisch findet Eishockey in Deutschland nicht mehr statt. Selbst Curling, ohne dem Eisstockschach zu nahe treten zu wollen, erfährt mittlerweile eine größere Beachtung.

Deutschland oder Österreich?


Eishockey in Deutschland, das bedeutet eben auch solche Stilblüten wie zuletzt die Geschichte aus München. Da wollte der Zweitligameister EHC München in die erste Spielklasse "aufsteigen". Das, was in allen anderen Sportarten gang und gäbe ist, ist im Eishockey nicht vorgesehen. Da können sie in ihrer Liga so oft gewinnen, bis sie grün werden - wer keine Lizenz für die DEL erhält (erkauft), der hat im elitären Spielbetrieb eine Etage höher nix verloren. Andersrum können Sie aber auch nicht absteigen, was den gefühlten 543 Spielen pro Saison in der DEL einen "besonderen Reiz" verpasst.

Also spielen um des Spielens willen, aber außer der Meisterschaft gibt es nur noch die ein oder andere goldene Ananas zu erringen. Aber zurück zu München. Die wollten tatsächlich in die österreichische Profiliga aufgenommen werden, wenn es mit der DEL nicht geklappt hätte. Klingt bekloppt? Aber nicht doch, das ist noch das Harmloseste was dort an Idiotie betrieben wird. Übrigens wäre München auch heute noch eishockeyerstklassig, wäre nicht 2002 die DEL-Lizenz einfach mal so nach Hamburg dem Geld hinterher gelaufen, um dort ein Cityteam "zu installieren".



Schon immer Kuriositätenkabinett


Aber Eishockey war schon lange vorher das Schmuddelkind des Sports in Deutschland. Legendär und nur beispielhaft genannt: Die Iserlohner Brustwerbung für des libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi "Grünes Buch". Oder gefälschte Spielerpässe, oder nicht bezahlte Sozialversicherungen. Oder Einbürgerung von viertklassigen Kanadiern, weil deren Urgroßoma mal einen deutschen Schäferhund besessen hatte. All das war aber früher irgendwie nicht so schlimm, wie es heute extreme Auswirkungen erfährt. Scheiss auf das Grüne Buch, die Düsseldorfer Brehmstraße war trotzdem immer genagelt voll, und mal ein Ticket für ein Spiel zu kriegen, war schwerer als eine Audienz beim Papst zu bekommen. Und heute? Heißen die Metro Stars, spielen in einer gähnend leeren Arena mit Polstersesseln, labberigem Bier und beleidigender Bratwurst. Heute würden sie in Düsseldorf jedem, der sich hin verirrt sogar die Karte schenken...

Nee, Eishockey ist an sich ein geiler Sport (darf man geiler Sport schreiben, ja, oder?) und hätte eigentlich Besseres verdient. Aber die Zeit ist halt auch nicht stehen geblieben, und mittlerweile gibt es ca 3 Trillionen andere (Sport)Events, die die Leute mehr ansprechen. Es ist zwar traurig, aber leider Realität. Eishockey ist in Deutschland Randsportart, und damit leider kein Kolumnenthema. Wobei, uuuups...

Autoreninfo Marcel Ringhoff
Marcel Ringhoff, 35, mag seit frühester Kindheit jede Art von Sport. Aufgewachsen in der zweiten und dritten Fußballliga mit Rot Weiß Oberhausen im Niederrheinstadion und am Rechenacker, und unter einem ehemaligen Olympiateilnehmer als Realschul-Sportlehrer, gibt es keine Sportart die er nicht kennt, oder zu der er keine Meinung hätte.
Im wahren Leben eigentlich Fotograf und Autor für Fachpublikationen abseits von Leibesübungen, findet der gerade etwas mopsige Sportskamerad nicht nur auf dem Trimmrad im Fitnesscenter, sondern vor allem an der spitzen Feder immer wieder zurück in die ertüchtigende Spur.





© Text: PS.de / MR | © Fotos, sofern nicht anders gekennzeichnet: PS.de

Schlagwörter: Sport Kolumne Sports Geist Eishockey Marcel Ringhoff




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Comments

Kommentar von Ramon | 21.07.2010, 12:10

Ist schade, dass Eishockey in Deutschland nicht sooooooooo angesagt ist. Vor allem in Kanada es ja DER Renner und ich glaube, dass es hier auch so wäre, wenn wir öfters mal entsprechende Temperaturen hätten. (also über 5 cm Schnee im Winter usw.). Trotzdem freue ich mich, dass die Hallen immer gefüllt sind wenn im Umkreis von Köln die Kölner Haie spielen

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