
Sports Geist - Leichtathletik-EM
Leichte Mädchen, schwere Jungs
05.08.2010
Zugegeben, die Überschrift stimmt so nicht ganz - denn schließlich finden wir in den Disziplinen der Leichtathletik auch schwere Mädchen und leichte Jungs. Aber erstens wäre diese Überschrift dann weniger frivol, zweitens deutlich zu lang, und drittens hat "schwere Mädchen" im Gegensatz zu "schwere Jungs" irgendwo etwas Abwertendes in unseren Zeiten des Schlankheitwahns. Klar, im Gegensatz zu der gazellenartigen Hochspringerin Ariane Friedrich wirkt eine Betty Heidler, ihres Zeichens Hammerwerferin, ein wenig, ähm, stabiler gebaut, allerdings - wenn man mal im Vergleich zu unserem Kugelstoßer Ralf Bartels die ebenfalls das schwere Runde von sich stoßende Denise Hinrichs sieht... Nun, man kann sich relativ leicht die Überschrift schönreden, was ich hier mit getan habe.Deutschland Vierter in Endabrechnung
Aber völlig abgesehen von Statur und Gewicht, haben uns die deutschen Leichtathletik-Damen und -Herren in den Tagen der Europameisterschaft in Barcelona sehr viel Freude bereitet, und dem DLV auch einiges an Medaillen beschert. Zum Beispiel vier goldene an der Zahl, was in der offiziellen Zählart immerhin Rang vier bedeutet - doch auch in der Gesamtsumme (zusätzlich 6x Silber, 6x Bronze) ist dieser vierte Platz heraus gekommen. Hinter Russland, Frankreich und Großbritannien. Nanu, wird nun mancher sagen - die Briten vor den Deutschen? Klar, schließlich sieht man daran, zwei Jahre vor den Olympischen Spielen in London 2012, die Menge an Geld und Aufwand die der britische Verband offensichtlich in den Aufbau und die Förderung junger Talente gesteckt hat. Von daher geht auch rein statistisch mit dieser Medaillenbilanz alles in Ordnung.
Verpasste Chance - überraschende Sieger
Jetzt könnte man natürlich hadern und nachkarten, und die verpassten Medaillenchancen nachzählen. Immerhin war eine Nadine Müller im Diskus als haushohe Favoritin ins Rennen gegangen; hat aber bei ihren Versuchen das Arbeitsgerät nicht ein einziges Mal so richtig getroffen, wie wir Werfer sagen. End vom Lied: 10 Meter unter der eigenen Saisonbestleistung, und eine Platzierung im Niemandsland auf Platz acht. Es gab sie also, die zwei, drei Beispiele, die im Vorfeld schon als Medaille gezählt wurden und bei denen nichts herauskam. Aber - und deshalb beteilige ich mich nicht an solchen Rechenspielchen im Vorfeld oder Nachgang - es würde die Leistungen derer schmälern, die statt dessen überraschend aufs Podium sprangen, liefen, warfen.
So hatte ich etwa eine Linda Stahl im Speerwurf, einen Christoph Schlangen über 1500m, oder eine Verena Sailer auf der kürzesten Flachdistanz über 100m nicht mit dem auf dem Zettel, was sie jetzt nach Hause tragen. Nämlich in der genannten Reihenfolge: Gold, Silber, Gold. Und ganz ehrlich, die großartige Show, die Linkshänder Matthias de Zordo sich mit dem haushohen Favoriten Andreas Thorkildsen im Speerwurf-Finale geliefert hat, war das extra Stückchen Torte mit Zuckerguss, Sahne und am Ende der wohl überraschendsten Medaille in der Farbe silber. Ach, und dann war da ja noch ein gewisser Christian Reif, der in der Weitsprung-Quali fast schon raus geflogen war, und auch im Finale beim dritten Sprung noch nicht unter den Top8-Athleten war. Um dann einen vom Balken zu metern, dass ihm in der Luft langweilig geworden sein muss. 8,47m mal eben die eigene Bestleistung mit mehr als 20cm Verbesserung und damit auch die Konkurrenz pulverisiert. Rums!
Ein Mannschaft mit Perspektive
Nicht vergessen wollen wir an dieser Stelle Christina Obergföll (Silber im Speerwurf), Silke Spiegelburg und Lisa Ryzih (Silber und Bronze im Stabhochsprung), Carolin Nytra (100m Hürden), den bereits erwähnten Ralf Bartels (Bronze Kugel), Jennifer Oeser (Siebenkampf-Silber), Tobias Unger, Marius Broening, Alexander Kosenkow und Martin Keller (Bronze 4x100m), Robert Harting (Silber Speer), die ebenfalls schon erwähnte Ariane Friedrich (Bronze Hochsprung), und die 4x400-m-Staffel mit Fabienne Kohlmann, Esther Cremer, Janin Lindenberg und Claudia Hoffmann, die Silber gewannen. Und natürlich sei auch an die zahlreichen, meist sehr jungen Athleten erinnert, die in ihren Disziplinen Endkämpfe erreichten und persönliche Bestleistungen verbesserten, ohne damit in die Nähe von Medaillenrängen zu kommen, aber dennoch ihre Nomierungen rechtfertigend. Nimmt man all das zusammen, und hält man sich vor Augen, dass die deutsche Mannschaft mit knapp unter 26 Jahren eine der jüngsten überhaupt in ihrer Geschichte ist - rechnet man dazu, dass die beste EM-Bilanz seit der Wiedervereinigung zu Buche steht, dann darf man sich wahrlich auf die kommende WM 2011 in Daegu (Südkorea) und, na klar, auf Olympia 2012 in London freuen.
Kritischer Nachsatz
Sie können jetzt an dieser Stelle eigentlich aufhören zu lesen. Die Kolumne hat ihre erwünschte Zeichenzahl längst erreicht, und über das deutsche Team wissen Sie jetzt alles. Allerdings wäre meiner Meinung nach ein solcher Text nicht komplett, wenn er nicht auch die Schattenseiten beleuchten würden. Sport ist wie das Leben, und da gibt es eben nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Zum Beispiel das Thema Doping. Natürlich wurde hier in Barcelona Pipi getestet und Blut untersucht, und nein - bislang hat man niemanden gefunden, der nachweislich gedopt hätte. Aber es bleibt ein fader Beigeschmack in einem Land, das zwar offiziell hart gegen Doping vorgeht, selbst aber verdammt defensiv mit den 100 oder mehr Blutkonserven umgeht, die bei einem gewissen Doktor Fuentes herum liegen. Da möchte man schon wissen, wer statt einem Koffer in Berlin noch einen Beutel in Madrid hat. Zumal es ungefähr so angenehm wie Zahnbelag ist, wenn bestimmte Athleten angekündigt werden mit "hat seine zweijährige Dopingstrafe abgesessen" und am Ende wieder an ihre "alten Leistungen" anknüpfen.
Auch die Organisation war teilweise zumindest befremdlich. Da gucken Kampfrichter bei Wurfdisziplinen auf angebliche Aufschlagpunkte, von denen man sich fragt, ähm, was soll denn da gelandet sein? Ein Ufo? Und auch die Wettkampfabläufe waren teilweise nicht normal. Klar, das Programm war um drei Tage verkürzt und komprimiert worden - aber muss man bei einer Hymne zu Ehren eines Siegers tatsächlich mal den einen Athleten antreten lassen, und andersherum bei spanischen Siegern kategorisch die jeweilige Wettkampfanlage sperren?
Den Vogel abgeschossen hat für mich aber das ZDF in Person von Wolf-Dieter Poschmann. Was der sich mitunter zusammen gefaselt hat und gesehen oder nicht gesehen haben will... Meine Herren, der wäre glatt auch als Wettkampfrichter durchgegangen. Und auch die Bildregie, wer auch immer dafür verantwortlich zeichnete, war zumindest am Abschlusstag unter aller Kanone: Man sieht exakt fünf Athletinnen des Teilnehmerfeldes im Hochsprung, kennt dafür aber jetzt jeden einzelnen Diskuswerfer mit kompletter Vita nebst Schuhgröße und Lieblingsgetränk. Da hätte ich glatt gerne ein paar mehr von den leichten Mädchen gesehen, um es mal rund zu machen...
Autoreninfo Marcel Ringhoff

Marcel Ringhoff, 35, mag seit frühester Kindheit jede Art von Sport. Aufgewachsen in der zweiten und dritten Fußballliga mit Rot Weiß Oberhausen im Niederrheinstadion und am Rechenacker, und unter einem ehemaligen Olympiateilnehmer als Realschul-Sportlehrer, gibt es keine Sportart die er nicht kennt, oder zu der er keine Meinung hätte.
Im wahren Leben eigentlich Fotograf und Autor für Fachpublikationen abseits von Leibesübungen, findet der gerade etwas mopsige Sportskamerad nicht nur auf dem Trimmrad im Fitnesscenter, sondern vor allem an der spitzen Feder immer wieder zurück in die ertüchtigende Spur.
Im wahren Leben eigentlich Fotograf und Autor für Fachpublikationen abseits von Leibesübungen, findet der gerade etwas mopsige Sportskamerad nicht nur auf dem Trimmrad im Fitnesscenter, sondern vor allem an der spitzen Feder immer wieder zurück in die ertüchtigende Spur.
© Text: PS.de / MR | © Fotos, sofern nicht anders gekennzeichnet: PS.de
Schlagwörter: Leichathletik Sport Kolumne Sports Geist Marcel Ringhoff
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